Eine Ärztin liest einen Laborbefund. Nichts Auffälliges. Kein Wert schlägt nach oben aus, keiner nach unten. Trotzdem sitzt vor ihr eine Patientin, die von ungewöhnlich viel Energie berichtet. Genau dieses Rätsel löst der Glücksatlas gerade für eine ganze Stadt: Augsburg.
Was der Glücksatlas über Augsburg wirklich zeigt
Der Glücksatlas ist eine jährliche Studie der Süddeutschen Klassenlotterie. Er misst zwei Dinge getrennt. Erstens die objektiven Lebensbedingungen einer Stadt: Wohlstand, Arbeitslosigkeit, Kriminalität, Bildung. Zweitens die subjektive Zufriedenheit der Menschen, die dort leben. Beides fließt in ein Ranking von 40 deutschen Großstädten.¹
Bei den objektiven Werten liegt Augsburg nur auf Platz 11. Nicht schlecht, aber auch kein Spitzenwert. Beim subjektiven Glück liegt Augsburg auf Platz 2, direkt hinter Erfurt.¹ Nur 2,2 Prozent der Augsburgerinnen und Augsburger sagen, sie seien mit ihrem Leben unzufrieden. Kein anderer Großstadt-Bewohner in Deutschland ist so selten unzufrieden.¹
Das ist kein Rundungsfehler. Das ist eine Lücke von neun Plätzen zwischen dem, was messbar ist, und dem, was gefühlt wird.
Objektive Zahlen und subjektives Erleben laufen oft auseinander
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky nannte dieses Phänomen vor über vierzig Jahren Salutogenese. Kurz gesagt: Gesundheit entsteht nicht nur durch gute äußere Bedingungen. Sie entsteht durch das Gefühl, dass eine Situation verstehbar, handhabbar und bedeutsam ist. Antonovsky nannte das Kohärenzgefühl.² Wer versteht, was um ihn herum passiert, wer glaubt, damit umgehen zu können, und wer einen Sinn darin erkennt, ist zufrieden. Auch dann, wenn die Umstände auf dem Papier nur durchschnittlich aussehen.
Augsburg hat moderate Mieten im Vergleich zu München, eine niedrige Kriminalitätsrate und viele Menschen mit Wohneigentum.¹ Diese Faktoren erzeugen Sicherheit. Sicherheit ist verstehbar und handhabbar, auch wenn sie in keiner Wohlstandsstatistik glänzt.
Der Overperformer-Effekt: Augsburg schlägt seine eigenen Kennzahlen
Der Glücksatlas nennt Städte wie Augsburg Overperformer. Gemeint ist: Die gefühlte Zufriedenheit liegt über dem, was die objektiven Daten erwarten lassen.¹
München zeigt das Gegenteil. Hoher Wohlstand, niedrige Arbeitslosigkeit, die niedrigste Kriminalität aller Großstädte, wenige Schulabbrecher. Auf dem Papier eine Vorzeigestadt. Trotzdem landet München nur auf Platz 24 bei der Zufriedenheit.¹ Der Glücksatlas nennt das einen Underperformer. Die Autoren vermuten hohe Mieten, viele Einpersonenhaushalte und eine überlastete Infrastruktur als Gründe.¹
Augsburg hat übrigens auch Schattenseiten. Die Wohnfläche pro Kopf liegt unter dem Schnitt. Die Mieten sind seit 2017 um 54 Prozent gestiegen. Die Pendelstrecken sind die längsten im gesamten Ranking.¹ Ein Overperformer ist also kein Ort ohne Probleme. Er ist ein Ort, an dem die Menschen trotz der Probleme ein hohes Kohärenzgefühl behalten.
Warum Unternehmen denselben blinden Fleck haben wie Großstädte
Dasselbe Muster findet sich in Unternehmen. Der Gallup Engagement Index misst seit Jahren, wie emotional gebunden Beschäftigte in Deutschland an ihren Arbeitgeber sind.³ Zwei Unternehmen mit identischer Bilanz, identischem Gehaltsgefüge und identischer Marktposition können bei diesem Wert meilenweit auseinanderliegen. Das eine ist ein Overperformer. Das andere ein Underperformer. Beide sehen auf dem Papier gleich aus.
Bei Zukunftsgefühl nennen wir diesen Abstand Kohärenzlücke: die Distanz zwischen dem, was ein Unternehmen kommuniziert, und dem, was die Belegschaft tatsächlich erlebt. Genau diese Lücke entscheidet, ob eine Organisation eher wie Augsburg oder eher wie München dasteht.
Für den deutschen Mittelstand ist das kein Randthema. Über 3,8 Millionen kleine und mittlere Unternehmen prägen die deutsche Wirtschaft. Fast 71 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiten dort.⁴ Wer als Geschäftsführung nur auf Umsatz, Auftragslage oder Gehaltsniveau schaut, sieht den Laborbefund. Er sieht nicht, wie es der Belegschaft wirklich geht.
Die subjektive Seite eines Unternehmens sichtbar machen
Genau hier setzt die Arbeit von Zukunftsgefühl an. Wir nennen die erste Untersuchung eines Unternehmens Anamnese, nicht Analyse. Gemeint ist: Wir fragen zuerst, wie die Menschen ihre Arbeit erleben, bevor wir über Kennzahlen sprechen. Das digitale Anamnese-Werkzeug senze.ai erhebt diese subjektive Seite entlang vier Dimensionen: Kompetenzerleben, Handlungsspielraum, soziale Unterstützung und Sinn.
Manche Unternehmen entdecken dabei, dass sie näher an München liegen, als ihnen lieb ist. Gute Zahlen, aber eine Belegschaft, die innerlich schon gekündigt hat. Andere entdecken das Gegenteil: eine Organisation, die trotz mittelmäßiger Kennzahlen ein bemerkenswert hohes Kohärenzgefühl trägt und genau deshalb Fachkräfte hält, wo andere sie verlieren.
Augsburg beweist gerade im Kleinen, was auch für Unternehmen gilt. Der Laborbefund ist nur die halbe Diagnose. Die andere Hälfte sitzt in den Köpfen der Menschen, die jeden Tag dort arbeiten.
Jan Schumacher | CEO Zukunftsgefühl
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Quellen:
- SKL Glücksatlas 2026: Städteranking der 40 größten deutschen Großstädte. Süddeutsche Klassenlotterie, skl-gluecksatlas.de.
- Antonovsky, A. (1979): Health, Stress, and Coping. San Francisco: Jossey-Bass. (Grundlage der Salutogenese und des Kohärenzgefühls)
- Gallup Engagement Index Deutschland (jährliche Erhebung zur emotionalen Bindung von Beschäftigten)
- KfW Research (2024): KfW-Mittelstandsatlas 2024.